Deutschland erlebt mitten im Hochsommer eine außergewöhnliche Dürre. Obwohl die Bundesrepublik als wasserreich gilt, wird Wasser vielerorts zum kostbaren Gut. In vielen Flüssen und Seen ist so wenig Wasser wie kaum je zuvor, besonders im Süden und entlang von Rhein, Donau und Elbe: Die Pegel sinken auf historische Tiefststände, die Böden geben kaum noch Feuchtigkeit her, und für die kommenden Wochen erwarten Fachleute keine durchgreifende Entspannung.

Markus Weitere vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig spricht von einer «extremen Dürre». Besonders stark betroffen seien der Süden Deutschlands und das Ursprungsgebiet des Rheins in der Schweiz. Der vom UFZ betriebene Dürremonitor zeigt, wie sich die Verfügbarkeit von Wasser in tiefen Bodenschichten in den vergangenen zwei Wochen weiter verschlechtert hat. Auch die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) bewertet die Lage als außergewöhnlich: Alle großen Flüsse seien gleichzeitig betroffen, und das bereits zu einem ungewöhnlich frühen Zeitpunkt im Hochsommer. Normalerweise beginne die Niedrigwassersaison erst im Spätsommer oder Herbst. Den Vorhersagen zufolge dürfte sich die Situation in den nächsten Wochen nicht entspannen.

Die Gründe für die Trockenheit sind vielfältig. Es ist ungewöhnlich warm, es fällt wenig Regen, und zugleich verdunstet wegen der hohen Temperaturen viel Wasser. Hinzu kommt ein außergewöhnlich trockenes Frühjahr, das die Grundwasserspeicher nur unzureichend gefüllt hat. Auch die Schneeschmelze spielt eine Rolle: In den Alpen und am Bodensee fehlt der Sommerabfluss von Schmelzwasser, der früher den Rhein und den Bodensee lange Zeit mit Wasser versorgt hat. Der vergangene Winter war nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes erneut zu trocken, zu sonnig und zu mild; vielerorts fiel weniger Schnee als im langjährigen Mittel.

Die Trockenheit ist nicht nur für die Natur kritisch. Kleingewässer und wichtige Auenökosysteme trocknen aus, Pflanzen und Bäume leiden unter dem Wassermangel. Auch die Wirtschaft spürt die Folgen: Am Rhein können Schiffe wegen der niedrigen Pegel teils nicht mehr voll beladen fahren. Dadurch werden Lieferketten gestört, und am Ende schlägt sich das in der wirtschaftlichen Wertschöpfung nieder. Regionale Schauer und Gewitter haben bislang nur kurzzeitige Entlastung gebracht; die Wasserstände steigen dann zwar etwas an, insgesamt überwiegt nach Einschätzung der Fachleute aber die sinkende Tendenz.

Die Trinkwasserversorgung in Deutschland ist nach Einschätzung von Weitere weiterhin sicher. Der überwiegende Teil des Trinkwassers stammt aus Grundwasser, und die Trinkwassergewinnung hat Vorrang vor anderen Nutzungen. Lokal gibt es dennoch Engpässe, denen Behörden mit Nutzungseinschränkungen begegnen. In München ist es etwa inzwischen verboten, private Pools zu befüllen oder Rasen zu sprengen. Grundwasser wird durch Niederschläge gespeist; fällt über längere Zeit zu wenig Regen, sinken auch die Grundwasserstände. In den Dürrejahren 2018, 2019, 2020 und 2022 waren diese Rückgänge in oberflächennahen Grundwasserleitern nach Angaben des Umweltbundesamtes deutlich spürbar.

Auch die Wasserqualität leidet unter der Trockenheit. Bei Niedrigwasser steigen die Konzentrationen von Schadstoffen, weil weniger Wasser zur Verdünnung zur Verfügung steht. Zudem erwärmen sich die Flüsse stärker; steigen die Temperaturen über 25 Grad, wird es für viele Organismen kritisch, weil der Sauerstoffgehalt sinkt. An der Mosel haben sich nach Angaben der Fachleute bereits gesundheitsschädliche Blaualgen entwickelt. Der Lebensraum für Wasserorganismen wird zunehmend eingeschränkt.

Dass Wasser in Deutschland zunehmend zum Streitpunkt wird, hat auch Umweltminister Carsten Schneider deutlich gemacht. Er sagte, künftig seien ernsthafte Konflikte um Wasser zu erwarten, auch in Deutschland. Die Bundesrepublik sei bisher ein wasserreiches Land gewesen, aber das ändere sich gerade.

Für die kommenden Jahre sind weitere Dürren wahrscheinlich. Fachleute gehen davon aus, dass ein Teil der aktuellen Entwicklung zur neuen Normalität gehört. Die Intensität und Dauer sommerlicher Hitzephasen werde zunehmen, erklärte Weitere. Besonders kritisch werde es, wenn ein trockenes Frühjahr auf einen heißen Sommer folgt. Genau diese Kombination erlebe man inzwischen immer häufiger. Hitzewellen und Dürren gelten als typische Folgen des Klimawandels, weil eine wärmere Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnimmt und Trockenphasen verstärkt.