Technologie 4 Min. Lesezeit Von Lukas Seifert
KI-Klone bedrohen Indie-Demos bei Steam Next Fest
Steam Next Fest verzeichnet rund 7.000 Demos, fast doppelt so viele wie im Juli. Wegen KI-generierter Klone sagt das Studio Digital Sun seinen öffentlichen Playtest für ReVamp ab. Indie-Entwickler geraten zwischen Sichtbarkeit und Diebstahlrisiko.
Das aktuelle Steam Next Fest hat so viele Demos wie nie zuvor: Rund 7.000 Spieleanproben stehen in dieser Ausgabe bereit, fast doppelt so viele wie beim letzten Event im Juli. Für viele Beobachter ist es damit das bislang am stärksten von KI-Massenware durchsetzte Next Fest. Die schiere Menge macht die einst als Entdeckungsplattform geschätzte Veranstaltung zunehmend unübersichtlich.
Doch das eigentliche Problem reicht über die Flut an lieblos generierten Spielen hinaus. Das Studio Digital Sun hat angekündigt, den geplanten öffentlichen Playtest für sein kommendes Tower-Defense-Spiel ReVamp abzusagen. Als Grund nennt das Team die Sorge, eine große öffentliche Demo-Version könnte von KI-Modellen ausgelesen und als Klon veröffentlicht werden, bevor das Original überhaupt erscheint. Man habe Berichte über Spiele verfolgt, die zurückentwickelt, geklont und noch vor dem Original veröffentlicht wurden, heißt es in einer Stellungnahme. Da der Launch noch Monate entfernt sei, wirke eine große öffentliche Build wie ein zu großes Risiko.
ReVamp hatte mit seinem Konzept für Aufmerksamkeit gesorgt: Spielerinnen und Spieler schlüpfen in die Rolle von Dracula, bauen ihre Festung aus und wehren heldenhafte Angreifer ab. Das Spielprinzip erinnert an Aufbausimulationen wie Fallout Shelter, ergänzt um die Möglichkeit, selbst als Dracula einzugreifen. Gerade weil die Demo früh einen Eindruck vom Spiel vermitteln sollte, wiegt die Absage schwer.
Digital Sun betont zugleich, in welchem Dilemma Indie-Studios stecken. Früh gezeigte Spiele seien der Weg, auf dem kleine Teams überhaupt gesehen würden und Fans fänden, die sie weitertragen. Wer aus Angst vor Klonen auf eine Demo verzichtet, verliert also ein wichtiges Mittel der Mundpropaganda. Das Studio hofft deshalb auf stärkere Schutzmaßnahmen der Plattformbetreiber für originale Arbeit. Einen kleineren Playtest will Digital Sun später im Monat über den eigenen Discord-Server anbieten. Das schützt zwar besser vor Nachahmern, erreicht aber deutlich weniger Menschen.
Wie leicht das Kopieren inzwischen geworden ist, zeigt ein Experiment des Entwicklers Tim Ruswick. Mit Erlaubnis des ursprünglichen Entwicklers versuchte er, das 2023 erschienene Spiel Polyfury auf drei Wegen nachzubauen: mit einem einzigen Satz als Eingabe für das KI-Modell Claude, mit den Inhalten der Steam-Seite und mit dem tatsächlichen Spielcode. Einige dieser Versionen entstanden laut Ruswick in nur 30 Minuten. Zwar funktionierten die Klone nicht perfekt und waren weniger vollständig als das Original. Für einen flüchtigen Blick reichten sie dennoch aus, und mit einigen Stunden oder Tagen mehr ließe sich ein nahezu perfekter Klon herstellen.
Die Folge ist eine Abwärtsspirale für Veranstaltungen wie das Next Fest. Auf der einen Seite drängen immer mehr billig produzierte Spiele auf die Plattform, auf der anderen Seite ziehen sich handwerklich gemachte Titel zurück, weil ihr Momentum durch schnelle Kopien gefährdet werden kann. Für Fans wird die Auswahl unübersichtlicher, für Entwickler weniger lohnend. Eine einfache Lösung ist nicht in Sicht. Zwar könnte Steam stärker zwischen hochwertigen und minderwertigen Angeboten unterscheiden. Solange die KI-Modelle selbst aber weitgehend unreguliert arbeiten, bleiben den Plattformen nur begrenzte Möglichkeiten, schlecht handelnde Anbieter am Klonen zu hindern.
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