Technologie 5 Min. Lesezeit
Ein alter Telegram-Post kann in Russland die Kandidatur kosten
Vor der Duma-Wahl werden digitale Spuren politisch riskant: Fotos von Nawalny und selbst verlinkte Videos führen zu Verfahren und Wahlsperren.
Was du vor drei Jahren auf Telegram geteilt hast, kann heute darüber entscheiden, ob du bei einer Wahl antreten darfst. Genau das passiert derzeit in Russland. Vor der Duma-Wahl im September greifen Behörden und Gerichte immer wieder auf alte Posts, Fotos und Links zurück und werten sie als „extremistische Symbolik“. Die Geldstrafe ist oft klein. Die Folge ist groß: ein Jahr ohne Recht auf Kandidatur.
Nach einer Zählung von Novaya Gazeta Europe, die Meduza am 20. Juli veröffentlichte, waren mindestens 21 Politiker davon betroffen. Vierzehn kamen von Jabloko, vier von der Kommunistischen Partei, einer von Gerechtes Russland, zwei waren unabhängig. The Telegraph schrieb am 8. August von mindestens 23 Fällen. Diese aktuellere Zahl konnte nicht zusätzlich mit Primärquellen bestätigt werden.
In den meisten dokumentierten Fällen ging es um Inhalte rund um Alexej Nawalny: sein Foto, Bilder aus seinen Projekten oder Videos von seiner Beerdigung. In 18 der 21 Fälle lagen die Bußgelder zwischen 1.000 und 2.000 Rubel. Das wirkt zunächst fast lächerlich niedrig. Trotzdem sorgt die rechtliche Einstufung dafür, dass die Betroffenen ein Jahr lang nicht kandidieren dürfen.
Nikolai Rybakow, der Chef von Jabloko, ist ein besonders prominentes Beispiel. Er hatte nach Nawalnys Tod einen Beileidspost veröffentlicht. Ein Gericht sah darin verbotene Symbole und verhängte 1.500 Rubel. Rybakow ging bis zum Obersten Gerichtshof der Russischen Föderation, verlor aber auch dort am 28. Juli. Damit kann der Chef einer legalen Partei selbst nicht zur Wahl antreten.
Noch deutlicher zeigt der Fall Alexander Schischlow, wie weit zurück die digitale Spur reichen kann. Er wurde wegen eines Telegram-Reposts eines Interviews aus dem Jahr 2023 bestraft. Das Stadtgericht St. Petersburg wies seine Berufung am 15. Juli ab. Jabloko sagt, mindestens 13 Parteimitglieder seien inzwischen wegen „Extremismussymbolen“ belangt worden.
Bei Boris Nadeschdin ging es nicht einmal um ein Nawalny-Foto direkt auf seinem eigenen Kanal. Er hatte auf ein Video verlinkt, in dem das Bild vorkam. Dafür erhielt er 1.000 Rubel Bußgeld. Zuvor war er schon als „ausländischer Agent“ eingestuft worden. Beides machte seine geplante Kandidatur für die Duma unmöglich.
Das ist der Punkt, der für junge Menschen besonders relevant ist: Ein Link ist im Netz normalerweise nur ein Verweis. In einem repressiven politischen System kann er aber als Verantwortung für fremden Inhalt behandelt werden. Die Grenze zwischen „ich habe das gepostet“ und „ich habe darauf verlinkt“ wird unscharf.
Dazu kommt ein viel härterer Teil der Geschichte. Maksim Kruglow, stellvertretender Jabloko-Chef, wurde im Juni zu sieben Jahren Strafkolonie verurteilt. Grundlage waren zwei Posts über zivile Tote in der Ukraine. Amnesty International bezeichnete das als Bestrafung für eine Antikriegshaltung und als Teil einer breiteren Kampagne gegen Jabloko. The Times berichtete von acht Parteimitgliedern in Haft.
Trotzdem ist Jabloko als Partei nicht von der föderalen Wahl ausgeschlossen. Die Zentrale Wahlkommission registrierte die Bundesliste am 29. Juli einstimmig, mit 269 Kandidaten. Deshalb stimmt die Behauptung nicht, der Oberste Gerichtshof wolle jetzt die ganze Partei von der Duma-Wahl entfernen. Das bestätigte Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof betraf Rybakow persönlich.
Auf regionaler Ebene gibt es andere Probleme. In St. Petersburg wurde die Jabloko-Liste für das Stadtparlament nicht registriert. Das ist wichtig, aber nicht dasselbe wie eine landesweite Parteisperre. Gerade bei schnell verbreiteten Posts in sozialen Netzwerken lohnt sich diese Unterscheidung, weil verschiedene Gerichts- und Wahlverfahren leicht zu einer einzigen großen Behauptung vermischt werden.
The Telegraph berichtet außerdem von einem Fall, bei dem ein regenbogenfarbenes T-Shirt eine Rolle gespielt haben soll. Dafür haben wir keine unabhängige Primärbestätigung gefunden und behandeln die Angabe deshalb nur als Bericht der Zeitung. Gut dokumentiert sind dagegen die vielen Verfahren wegen Nawalny-Fotos und anderer digitaler Inhalte.
Die russische Wahlkampagne zeigt damit eine neue Seite der digitalen Kultur. Früher galt das Internet für die Opposition als Raum, in dem sie staatlich kontrollierte Medien umgehen konnte. Heute ist derselbe Raum ein riesiges Archiv, das Behörden durchsuchen können. Was einmal Freiheit versprach, kann Jahre später als Beweismittel zurückkommen. Die politische Frage lautet deshalb nicht nur: Was darfst du heute posten? Sondern auch: Was kann dir morgen aus deiner Timeline vorgehalten werden?


