Kultur 3 Min. Lesezeit Von Lukas Seifert
Marathon-Lesung von »Die Glasglocke« in Manhattan
Bei der zweiten jährlichen Marathon-Lesung von Sylvia Plaths Roman in Manhattan hielten Teilnehmende fast acht Stunden durch.
Bei der zweiten jährlichen Marathon-Lesung von Sylvia Plaths Roman »Die Glasglocke« in Manhattan haben Teilnehmende fast acht Stunden am Stück gelesen. Die Veranstaltung ist dem einzigen Roman der amerikanischen Dichterin gewidmet, der 1963 erschien, wenige Wochen vor ihrem Tod, und seither als Klassiker der weiblichen Selbsterfahrung in der Literatur gilt.
Die Lesung dauerte insgesamt sieben Stunden und 51 Minuten. Wer wollte, konnte dabei abschnittsweise vorlesen, während andere zuhörten oder zwischendurch wechselten. Das Format ist bewusst schlicht gehalten: Das Buch wird Seite für Seite vorgetragen, ohne Kommentar und ohne Inszenierung. Gerade diese Zurückhaltung lässt die Sprache des Romans und seinen inneren Monolog über die gesamte Dauer wirken, und man merkt, wie sich die Stimmung im Raum mit den Stunden verändert.
Plaths Roman erzählt die Geschichte der jungen Esther Greenwood, die im New York der 1950er-Jahre als Praktikantin bei einem Modemagazin arbeitet und zunehmend in eine Depression gerät. Das Buch verarbeitet autobiografische Erfahrungen der Autorin und behandelt Themen wie psychische Erkrankung, Erwartungen an Frauen, Ehrgeiz und die Enge gesellschaftlicher Rollen. Dass ein solcher Text Jahrzehnte später noch Menschen dazu bringt, sich einen ganzen Tag lang gemeinsam an ihn zu setzen, zeigt, wie anhaltend seine Relevanz ist.
Die Marathon-Lesung knüpft an eine Tradition kollektiver Lektüre an, die in den vergangenen Jahren vor allem in Großstädten an Beliebtheit gewonnen hat. Solche Veranstaltungen verbinden Literatur mit Gemeinschaft: Zuhörende kommen und gehen, der Raum wird zum Treffpunkt, und das Lesen wird zu einem gemeinsamen Erlebnis statt zu einer stillen Einzelbeschäftigung. Die Veranstaltung findet bereits zum zweiten Mal statt, was zeigt, dass das Format auf Resonanz stößt und nicht nur ein einmaliger Versuch geblieben ist.
Für ein jüngeres Publikum, das Plath häufig über soziale Medien kennenlernt, bietet ein solcher Abend zudem einen Zugang zu einem Text, den viele sonst höchstens aus dem Schulunterricht oder aus einzelnen Zitaten kennen. Wer den Roman über mehrere Stunden hört, erlebt ihn als zusammenhängende Erzählung mit Tempo, Wiederholungen und Stimmungswechseln, die sich beim punktuellen Lesen nur schwer vermitteln. Gerade darin liegt der besondere Reiz der Veranstaltung, die Literatur nicht als Pflicht, sondern als gemeinsame Erfahrung präsentiert.
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