Kultur 4 Min. Lesezeit Von Lukas Seifert
Grand Theft Auto 6: Lucia soll die Frauenfrage der Serie neu beantworten
Mit Lucia bekommt die GTA-Reihe erstmals eine weibliche Hauptfigur. Rockstar steht vor der Chance, das problematische Frauenbild der Serie zu korrigieren – und vor einer großen Bewährungsprobe.
Grand Theft Auto bekommt in diesem Jahr mit Lucia Caminos erstmals eine weibliche Hauptfigur. Für Rockstar ist das mehr als nur eine Premiere: Nach Jahrzehnten, in denen die Spieler fast ausschließlich Männer steuerten und Frauen in der Spielwelt oft als Opfer, Liebesobjekte oder Witzfiguren inszeniert wurden, steht das Studio nun vor der Frage, ob es das umstrittene Frauenbild der Reihe endgültig überwinden kann.
Die Serie hat seit jeher ein schwieriges Verhältnis zu Frauen. In den offenen Welten von Vice City, San Andreas oder Los Santos gehören Stripclubs, Sexarbeiterinnen und Gewalt gegen Frauen seit Jahren zum festen Repertoire – oft als Teil eines Humors, der längst nicht mehr zeitgemäß wirkt. Kritiker und Fans verweisen darauf, dass alle bisherigen Protagonisten Männer waren und weibliche Figuren meist nur dazu dienten, deren Geschichten voranzutreiben, statt selbst über echte Handlungsmacht zu verfügen. Es gab zwar Ausnahmen wie die Verbrecherin Asuka Kasen in GTA 3 oder Kendl Johnson aus San Andreas, doch viele andere Figuren – etwa die Frauen der Familie De Santa oder Catalina aus GTA 3, die nach ihrem Verrat am Ende nur noch als Off-Screen-Gag stirbt – gelten heute als peinliche Relikte ihrer Zeit.
Dass Rockstar es besser kann, hat das Studio bereits in Red Dead Redemption 2 bewiesen. Die Figur der Sadie Adler zeigte, dass das Unternehmen in der Lage ist, weibliche Charaktere mit Tiefe, Verletzlichkeit und Stärke zu schreiben. Diese Qualität soll sich nun offenbar auch auf Grand Theft Auto 6 übertragen. Die Ankündigung von Lucia als spielbarer Protagonistin neben ihrem männlichen Partner Jason Duval wird von vielen Beobachtern als Signal gewertet, dass Rockstar die Kritik der vergangenen Jahre ernst nimmt.
Die zentrale Frage lautet jedoch: Wie wird Lucia in der Spielwelt von Vice City behandelt? In einer Umgebung, die stark an das reale Florida erinnert und von satirischer Überspitzung lebt, wird allein die Präsenz einer Frau eine andere Dynamik erzeugen als bei den männlichen Vorgängern. Spielerinnen und Spieler sollen künftig selbst entscheiden können, wie sich eine starke Frau in einer Verbrecherwelt bewegt, in der Frauen bislang oft als Objekte oder Statussymbole männlicher Protagonisten dargestellt wurden. Ob Lucia dabei Einfluss darauf nehmen kann, wie die Frauen um sie herum behandelt werden, oder ob sie sich den patriarchalen Strukturen der Spielwelt unterordnen muss, ist eine der spannendsten Fragen vor dem Release.
Hinweise auf eine differenziertere Darstellung lieferte bereits der erweiterte Trailer vom vergangenen Monat. Darin ist zu sehen, wie Jason in einem Drogenversteck einen Hund streicheln, schelten oder untersuchen kann – eine Interaktionsmechanik, die aus Red Dead Redemption 2 bekannt ist. Dort reagierten die Bewohner der Spielwelt auf den Protagonisten Arthur Morgan je nach dessen Ruf und Verhalten. Übertragen auf Grand Theft Auto 6 könnte das bedeuten, dass auch Lucia je nach Situation und eigenem Handeln unterschiedlich wahrgenommen wird – als respektierte Verbrecherin oder als Außenseiterin in einer Männerdomäne.
Besonders interessant ist der Ansatz, den Rockstar in Red Dead Redemption 2 mit Arthur Morgan verfolgte: Das Spiel dekonstruierte die Männlichkeit seines Helden Stück für Stück und zeigte die verletzlichen Seiten hinter der harten Fassade. Eine ähnliche Erzählweise für Lucia wäre ein mutiger Schritt – und könnte die Reihe endgültig von ihrem angestaubten Image befreien. Ob Rockstar diese Chance nutzt, wird sich zeigen, wenn Grand Theft Auto 6 später in diesem Jahr erscheint. Der Druck ist groß, die Erwartungen sind es auch.



