Kultur 6 Min. Lesezeit Von Lukas Seifert
Dokumentarfilm über Elizabeth Holmes wirft Fragen nach Wahrheit und Inszenierung auf
Der Film »You Can See Everything« von Nathan Fielder und Lance Oppenheim zeigt Elizabeth Holmes und ihren Partner Billy Evans, lässt aber offen, was Wahrheit ist. Er wirft die Frage auf, wie Zuschauer Inszenierung von Dokumentation unterscheiden.
Der Film »You Can See Everything« von Nathan Fielder und Lance Oppenheim ist derzeit im Kino zu sehen und gehört zu den meistdiskutierten Filmen des Jahres. Er entwickelt sich zudem zu einem kommerziellen Erfolg, der bisherige Rekorde für Dokumentarfilme überholt. Die Filmemacher haben einen beeindruckenden und oft überraschenden Film geschaffen. Seine eigentliche Wirkung liegt jedoch darin, dass er als soziales Experiment verstanden werden kann: Er fragt, ob irgendjemand wirklich weiß, was »wahr« ist, und ob wir dies außerhalb unserer eigenen Interessen kommunizieren können.
Im Mittelpunkt steht Elizabeth Holmes, die Gründerin des Unternehmens Theranos. Nach rechtlicher Bewertung und den Aussagen von Whistleblowern hat sie ein Blutuntersuchungsgerät angepriesen, das nicht wie versprochen funktionierte. Der Film stellt jedoch weniger die Frage, ob Holmes lügt, sondern ob sie begreift, dass sie lügt, oder ob sie zwischen dem, was sie sich wünscht, und dem, was ist, unterscheiden kann. Über Jahre hinweg haben Kommentatoren spekuliert, Holmes leide an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung oder zeige soziopathische oder psychopathische Züge. Eine öffentliche Diagnose existiert allerdings nicht.
In mehreren Szenen wirkt Holmes im Film eher neurodivergent als berechnend. Ihr Partner Billy Evans wird im Film als stark kontrollierend dargestellt, die Beziehung wirkt oft missbräuchlich. Holmes erscheint dadurch zeitweise als Opfer und als die sympathischste Figur. Offen bleibt, ob sie zuvor von ihrem früheren Geschäfts- und Lebenspartner Ramesh »Sunny« Balwani manipuliert wurde, den sie kennenlernte, als sie 18 und er 37 Jahre alt war, und ob sich dieses Muster nun mit Evans wiederholt.
Ein zentraler Moment des Films ist eine Szene, in der Fielder Holmes und Evans den bekannten Sketch »Who’s on First?« von Abbott und Costello zeigt. Holmes findet ihn lustig, behauptet aber, sie habe nicht verstanden, dass der Name des ersten Basisspielers »Who« lautet, was die gesamte Pointe ausmacht. Als Fielder nachhakt, wird sie sichtlich verärgert, und Evans schickt sie daraufhin wie ein Kind ins Bett. Der Film legt nahe, dass ihre Auffassungsgabe eingeschränkt sei und sie Sprache nicht so verwende wie andere. Evans erklärt, ihr Gehirn funktioniere einfach anders.
Auslöser für dieses Experiment war eine Aussage aus einem früheren Clip, in dem Holmes sagt, das Theranos-Gerät »könne« die Tests durchführen, ohne zu erklären, dass dies noch nicht möglich war. Im Film holen Holmes und Evans das Gerät aus dem Lager, um zu zeigen, was sie gemeint habe: Die Maschine selbst habe funktionieren können, die Testverfahren seien jedoch den technischen Möglichkeiten hinterhergehinkt. Daraus ergibt sich die Lesart, dass eine vermeintliche Lüge in Wahrheit ein Missverständnis sprachlicher Nuancen gewesen sei.
Der Theranos-Whistleblower Tyler Shultz widerspricht dieser Deutung deutlich. Gegenüber CBS sagte er, er sei bei der Sequenz mit dem Gerät fast von seinem Stuhl aufgesprungen, weil es nicht die Maschine gewesen sei, mit der an Patienten gearbeitet wurde, sondern eine spätere Version, die nie fertiggestellt wurde. Seiner Ansicht nach verhandle der Film Theranos gerade so weit neu, dass beim Publikum Zweifel entstünden. Shultz betont zugleich, dass es sich nicht um eine Dokumentation im klassischen Sinne handle, sondern um einen gut gemachten Film, der Wahrheit wie ein Zerrspiegel darstelle.
Die Frage, wer hier wen manipuliert, beginnt laut dem Beitrag bereits beim Film selbst. Holmes und Evans hatten ein »Dokumentarfilmprojekt« angeboten, um ihre Version der Geschichte zu erzählen, und die Regisseure nutzten dasselbe, nicht klar geschützte Etikett für ihre eigene Sicht. Rechtlich wird bei Dokumentationen und Unterhaltung häufig auf einen »vernünftigen Zuschauer« abgestellt, der Dramatisierung erkennt. Im Fall der Serie »Feud« entschied ein Gericht etwa, ein Publikum werde ein Docudrama nicht als Tatsachenbericht verstehen. Auch im Verfahren gegen Fox News wegen der Sendung von Tucker Carlson wurde argumentiert, kein vernünftiger Zuschauer halte die Aussagen für sachlich korrekt; der Richter wies die Klage ab.
Forschung deutet jedoch darauf hin, dass echte Zuschauer diese Unterscheidung oft nicht treffen. Eine Studie der Washington University ergab, dass sich Studierende an Falschinformationen aus einem Film in bis zu der Hälfte der Fälle erinnerten, wenn ein Film einem korrekten Text widersprach. Eine allgemeine Warnung, dass Filme ungenau sein können, änderte daran nichts; nur ein konkreter Hinweis auf den jeweiligen Fehler wirkte. Der Film wird damit zum Prüfstein dafür, wie leicht Erzählungen das Verständnis von Wirklichkeit formen.
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