Gesellschaft 4 Min. Lesezeit Von Leonie Vogt
Ein Meter Neuschnee an der Ostsee? Wetterexperten spielen Extremszenario durch
Nicht in den Alpen, sondern im Flachland an der deutschen Ostseeküste könnte theoretisch ein Meter Neuschnee fallen. Ein Gedankenspiel zeigt, wie ein solches Extremereignis ablaufen würde – und warum der Klimawandel es begünstigen könnte.
Ein Meter Neuschnee klingt nach Zugspitze, Allgäu oder einem tief verschneiten Alpental. Doch ausgerechnet eine Region, an die beim Thema Winterchaos kaum jemand denkt, hätte bei einem extremen Schneeereignis die schlechtesten Karten: die deutsche Ostseeküste, mitten im Flachland. Was nach einer Horrorvorstellung klingt, ist kein Vorhersageprodukt, sondern ein durchgerechnetes Gedankenspiel – eines, das zeigt, wie verwundbar die Region wäre.
Der Ausgangspunkt ist eine meteorologische Besonderheit, die in Europa selten, an den Großen Seen in den USA dagegen berüchtigt ist: der Lake-Effect. Wenn bitterkalte Luft aus Nordosten über das vergleichsweise warme Wasser der Ostsee zieht, saugt sie Feuchtigkeit auf. Es entstehen schmale, aber extrem heftige Schneebänder, die wie an einer Schnur aufgereiht immer wieder über dieselben Orte ziehen. Genau das macht diese Wetterlage so gefährlich: Während es wenige Kilometer weiter kaum schneit, können einzelne Küstenstreifen innerhalb von Stunden versinken.
Das Szenario beginnt harmlos. Anfang Januar, nach einem milden Herbst, ist die Ostsee für die Jahreszeit noch auffällig warm. Über Skandinavien baut sich ein kräftiges Hoch auf, der Wind dreht auf Nordost, aus Russland strömt bitterkalte Luft heran, nachts sackt das Thermometer auf minus 12 Grad. Am Nachmittag ziehen über der See die ersten Schauer auf, ein paar Flocken auf Rügen und in Vorpommern, fünf Zentimeter vielleicht. Niemand ahnt, was da gerade beginnt.
Am zweiten Tag läuft die Maschine richtig an. Die eisige Luft zieht über das warme Wasser und lädt sich mit Feuchtigkeit auf. Am Abend liegen in Teilen Vorpommerns bereits 40 Zentimeter, und ein Ende ist nicht in Sicht. Am dritten Tag schneit es stundenlang, oft mehrere Zentimeter pro Stunde. Der Winterdienst kommt nicht mehr hinterher, Landstraßen verschwinden unter weißen Wänden, die ersten Dörfer sind nur noch zu Fuß erreichbar. Dann kommt das eigentliche Problem: das Gewicht. Je nachdem, wie stark sich der Schnee setzt, lasten bald 100 bis 300 Kilo pro Quadratmeter auf den Dächern. Erste Carports und Hallen geben nach, die Feuerwehr ist im Dauereinsatz.
Am vierten Morgen ist die Marke geknackt: ein Meter Neuschnee, gemessen im Flachland. Bahnstrecken sind gesperrt, auf der A20 stecken Lastwagen fest, Schulen und Kitas bleiben zu. Unter der Schneelast reißen Stromleitungen, Tausende Haushalte sitzen im Kalten. Supermärkte bekommen keine Ware mehr, Rettungsdienste kämpfen sich mit Räumfahrzeugen Meter für Meter voran. Im Rest der Republik schaut man ungläubig auf die Bilder – in Frankfurt oder Köln liegt zur gleichen Zeit keine einzige Flocke.
Droht das wirklich in diesem Winter? Die ehrliche Antwort lautet: innerhalb eines einzigen Tages sicher nicht. Selbst in der Schweiz gelten 30 bis 60 Zentimeter im Flachland seit März 2006 als absoluter Rekord. Verteilt über mehrere Tage und begrenzt auf einen schmalen Küstenstreifen ist ein solches Ereignis aber nicht ausgeschlossen – nur extrem selten. Ob es ausgerechnet diesen Winter passiert, kann heute niemand seriös sagen.
Pikant macht die Sache der Klimawandel. Eine wärmere Ostsee liefert mehr Feuchtigkeit für solche Schneebänder. Fehlt nur noch die richtige Kälte zur richtigen Zeit. Darauf wetten sollte man nicht – ausschließen aber auch nicht. Für die Menschen an der Küste ist das vor allem ein Grund, die Wetterlage im Blick zu behalten, wenn der Winter ernst wird.
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